Tag bei Nacht

Tag bei Nacht Schlindwein Fotografie Gengenbach
Tag bei Nacht Schlindwein Fotografie Gengenbach
Tag bei Nacht Schlindwein Fotografie Gengenbach
Tag bei Nacht Schlindwein Fotografie Gengenbach
Tag bei Nacht Schlindwein Fotografie Gengenbach

Daniel Schlindweins Aufnahmen sind in der badischen Ortenau entstanden, und mit ihnen bewegt sich der in Gengenbach geborene und inzwischen auch wieder dort lebende Künstler auf vertrautem Terrain. Augenblicklich ist Schlindwein mit Haut und Haaren dem Thema "Nacht" verfallen, ganz gemäß seinem Motto: "Nachts sieht man mehr". Bei Dunkelheit sind alle Sinne geschärft und beim Warten nimmt man die Natur wesentlich intensiver wahr als bei Tag. Stille und Einsamkeit sowie ein ganz anderes Gefühl für Zeit erlebte Schlindwein in diesen Nächten an den Baggerseen bei Altenheim, Ichenheim, Meisenheim und Goldscheuer.

All das begann im Jahr 2011 mit der Serie "Night-Land". Vor fünf Jahren begab sich der Künstler im Ried in die Tiefe der Nacht und entriss verschiedene Pflanzen mit einer kleinen Taschenlampe der Dunkelheit, er modellierte quasi die nächtliche Landschaft mit der Lampe nach. Diese geheimnisvollen und märchenhaften Kompositionen sehen wie mit der Kamera gemalte Nachtbilder aus. Staunend steht man vor diesen Fotografien, die wie einem Traum entsprungen zu sein scheinen. Unweigerlich fragt man sich, wie es denn möglich sein kann, dass diese kleinen Blüten im Dunkel der Nacht derart hell und violett leuchten. Unser Leben verbringen wir zu zwei Dritteln wach und zu einem Drittel im Schlaf. Auch wenn wir wissen, dass es eine fototechnische Erklärung für die Entstehung dieser Aufnahmen gibt, so fasst uns beim Betrachten doch die rätselumwobene, irrationale Seite dieses dunklen Drittels unseres Daseins an.

Die Serie "Nächtens" ging aus "Night-Land" hervor und entstand im Jahr 2013. Hier musste Schlindwein das Licht hier nicht selbst anknipsen, denn die Kieswerke, die er in der Ortenau nach Einbruch der Dunkelheit aufsuchte, verfügen über eine rötliche oder grünliche Notbeleuchtung. Diese ist als Lichtquelle in seinen Bildern jedoch nicht auszumachen, und so bleibt dem uneingeweihten Betrachter die monochrome, surreale Farbigkeit dieser Szenerien rätselhaft. In dieser Serie geht es hauptsächlich um Struktur, um die Textur von Oberflächen. So entstanden viele Nahaufnahmen, Schlindwein fokussierte ein Detail, etwa eine Bodenbeschaffenheit, Steine, Moos, Sand oder Erde und zeichnete jene Formungen mit der Farbe von Licht und Schatten nach. Wir fragen uns: Wo sind wir uns hier? Wirklich in der Ortenau oder nicht eher auf dem Meeresgrund oder in einer Mondlandschaft? Mit unseren direkten Erfahrungen von Wirklichkeit haben diese Aufnahmen erschütternd nein: faszinierend wenig zu tun.

In die Vollmondnächte der Monate März und April 2014 gehören schließlich die Fotografien der Gruppe "Tag bei Nacht". Im Unterschied zu den Werken der beiden zuvor beschriebenen Serien entstanden diese Aufnahmen nicht digital sondern analog. Künstliche Lichtquellen wurden hier nicht eingesetzt, die überraschende Helligkeit kommt ausschließlich über eine extreme Langzeitbelichtung ins Bild. Schön, wie in diesen Vollmondnächten also nur die Zeit das Licht formt. Wir werden von diesen magischen Aufnahmen vollkommen gefangen genommen. Nur ein Schritt und auch wir stünden mitten in diesen urwaldähnlichen Landschaften, wären Teil dieses "Tages bei Nacht". Welch ein Erlebnis!



Dr. Antje Lechleiter